Karl Schäcke, CEO der ASTA-Gruppe, spricht im Interview über den weltweit wachsenden Strombedarf, die notwendige Neuaufstellung der Infrastruktur und die wichtige Rolle, die Kupferkomponenten für die Versorgungssicherheit sowie zur Stabilisierung der Übertragungs- und Verteilnetze spielen.
Interview: Tamara Schögl, www.trend.at
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TREND: Inwiefern wird sich der globale Strombedarf in den kommenden Jahren verändern?
KARL SCHÄCKE: Der Bedarf nach globaler Stromerzeugung und -übertragung steigt durch den Einsatz von künstlicher Intelligenz, energieintensive Rechenzentren, Elektromobilität, Dekarbonisierung, Elektrifizierung der Industrie, aber auch durch Wärmepumpen und Klimaanlagen enorm an. Bis Mitte des 21. Jahrhunderts wird der globale Strombedarf stark wachsen – aber noch viel wichtiger: Im Energiemix wird Elektrizität im Jahr 2050 mehr als 50 Prozent Anteil haben. Das ist eine Verdreifachung im Vergleich zum Jahr 2010. Dafür brauchen wir eine völlige Neuaufstellung der Energieinfrastruktur.
TREND: Welche Dimension hat diese Neuaufstellung und welche Komponenten sind dafür entscheidend?
KARL SCHÄCKE: Bis 2030 sind europaweit Investitionen von mehr als 580 Milliarden Euro in Elektrizitätsnetze erforderlich. Weltweit müssen in diesem Zeitraum Investitionen von ca. 3,1 Billionen Euro in den Ausbau bzw. die Modernisierung der Strominfrastruktur fließen und rund 18 Millionen Netzkilometer aufgebaut werden. Insgesamt sprechen wir von einer Verdoppelung der globalen Netzinfrastruktur bis 2050. Es handelt sich hierbei also um keinen Kurzfristeffekt, sondern einen sogenannten „Supercycle“ für unsere Industrie.
Die Verfügbarkeit von Transformatoren, zu der ASTA als Komponentenzulieferer signifikant beiträgt, ist für diesen Netzausbau einer der wichtigsten Schlüssel. Aber auch Generatoren sind zur Realisierung der Versorgungssicherheit und zur Stabilisierung der Übertragungs- und Verteilnetze von großer Bedeutung.
TREND: Wie kann die Stabilität der Stromnetze gewährleistet werden – insbesondere vor dem Hintergrund des steigenden Anteils erneuerbarer Energien?
KARL SCHÄCKE: Für die Stabilität der Netze spielen Hochspannungstransformatoren eine entscheidende Rolle. Sie gleichen schnelle Lastwechsel aus, halten die Spannung stabil und verhindern Netzausfälle. Je höher die Spannung ist, umso verlustärmer kann elektrischer Strom durch die Leitungen fließen – deshalb sind Hochspannungstransformatoren in Europa mit bis zu 400.000 Volt und global für noch höhere Spannungsebenen ausgelegt.
TREND: Wie ist es aktuell um den Zustand der Stromnetze bestellt?
KARL SCHÄCKE: Ein Teil der Strominfrastruktur in den USA ist aus den 1960er-Jahren oder noch älter. Über 40 Prozent der europäischen Stromnetze sind über 40 Jahre alt, knapp die Hälfte dieser Infrastruktur wird bis 2030 ihr technisches Lebensende erreichen. Über eine Million der eingesetzten Transformatoren sind älter als 25 Jahre. Durch deren Erneuerung könnte die Energieeffizienz im Bereich Stromübertragung und Stromverteilung – Stichwort Übertragungsverluste – signifikant gesteigert werden.
TREND: Stichwort Transformatoren – welche Herausforderungen bringt deren Erneuerung mit sich?
KARL SCHÄCKE: Da wir Millionen Netzkilometer aufbauen müssen, werden auch Tausende Transformatoren benötigt. Das stellt die Industrie derzeit vor große Herausforderungen. Transformatorenhersteller haben inzwischen mehrjährige Lieferzeiten, neue Produktionswerke werden schnellstmöglich aufgebaut, und die großen Hersteller zählen auf ASTA als verlässlichen Partner für hochqualitative Kupferkomponenten für das Herz dieser Maschinen.
TREND: Wie kann ASTA diese Verlässlichkeit gewährleisten?
KARL SCHÄCKE: Um diese Verlässlichkeit sicherzustellen, arbeiten wir an einem integrierten Kreislaufwirtschaftsmodell für das Recycling von Kupfer. Schon heute sind etwa 40 Prozent des Kupfers, das ASTA weltweit verarbeitet, aus recyceltem Material hergestellt. Dieser Anteil soll sukzessive erhöht werden. Das ist nicht nur nachhaltig, sondern soll auch die Rohstoffversorgung von ASTA verbessern und damit unsere weltweite Reputation als verlässlicher Lieferant von Kupferkomponenten für die Energiewirtschaft sichern.
TREND: Welche Chancen sind für ASTA mit der Erneuerung der Stromnetze verbunden?
KARL SCHÄCKE: Die ASTA-Gruppe profitiert vom weltweit steigenden Energiebedarf und liefert mit ihren Kupferkomponenten das Herz der Energiewende. Zu unseren Kunden zählen die weltweit größten Hersteller von Hochspannungstransformatoren wie Siemens Energy, GE Vernova oder Hitachi Energy oder Hersteller von Generatoren wie Andritz. Aktuell können wir mit diesen Kunden, mit denen uns jahrzehntelange Zusammenarbeit verbindet, gemeinsam wachsen. Diese Chance wollen wir nutzen.
TREND: Welche Risiken gilt es abzuwenden?
KARL SCHÄCKE: Ein Risiko bei der Energiewende ist der Zeitfaktor. Nachhaltige Energiequellen wie Wind, Sonne oder Wasser sind sehr wichtig für das Ziel der Dekarbonisierung, der Abkehr von fossilen Energieträgern. Die Energieerzeugung solcher „Renewables“ schwankt aber wetterbedingt, und damit ändern sich auch die Schwankungsbelastungen des Stromnetzes. Das ist eine große Herausforderung für die Netzinfrastruktur. Die Blackouts in Spanien und Portugal im April 2025 oder der Tschechischen Republik im Juli 2025 zeigen, dass wir viel stabilere Netze brauchen.
TREND: Laufend werden neue Konzepte, Technologien und Produkte entwickelt, um den steigenden Anforderungen an Versorgungssicherheit, Effizienz und Dekarbonisierung gerecht zu werden. Welche Rolle spielt ASTA dabei?
KARL SCHÄCKE: ASTA ist weltweit einer der bestimmenden Markt- und Technologieführer im Bereich Wickelkupfermaterial – mit 210 Jahren Innovationsgeschichte und zahlreichen Patenten. Unsere Wurzeln liegen im niederösterreichischen Oed im Bezirk Wiener Neustadt. Heute produzieren wir mit über 1.400 Mitarbeitenden an sechs Produktionsstandorten in Österreich, Bosnien und Herzegowina, Brasilien (zwei Standorte), China und Indien Kupferkomponenten für Transformatoren, Generatoren und den E-Mobilitätsbereich (Automotive und Lokomotiven).
Durch unser Know-how und unseren höchsten Qualitätsanspruch helfen wir unseren Kunden, den Herstellern und den Netzbetreibern dabei, Energieverluste zu minimieren. Unsere Erfolgsfaktoren sind hauchdünne Isolationstechniken, präziseste Mechanik und die Möglichkeit, dichter und kompakter zu wickeln als andere Hersteller. Dadurch können Transformatoren und Generatoren noch leistungsfähiger, energieeffizienter und kompakter gebaut werden.
TREND: ASTA-Komponenten sind weltweit im Einsatz. Welche Projekte finden Sie derzeit besonders spannend?
KARL SCHÄCKE: Unsere Kupferkomponenten stecken in HVDC-Konvertertransformatoren zur Übertragung von verlustärmerem Gleichstrom in einigen sogenannten „2GW“-Projekten. Dabei sind riesige Transformatoren auf Offshore-Plattformen im Meer installiert, von denen über Seekabel die elektrische Energie (2.000 MW) von Windrädern an Land übertragen und eingespeist wird. Solche Projekte werden aktuell in der Nord- und der Ostsee realisiert und dienen zur Erreichung der Energiewendeziele der EU.
Auch die Generatoren des Wasserkraftwerks Glen Canyon in Arizona, USA, arbeiten mit einem Kupferherz von ASTA und versorgen fünf US-Bundesstaaten mit Energie. Ein weiteres europäisches Leitprojekt mit ASTA-Komponenten ist der „Südlink“, mit dem bis zu vier Gigawatt Windkraftenergie aus dem Norden Deutschlands über 700 Kilometer nach Süddeutschland transportiert werden.
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Zur Person
Dr. Karl Schäcke, geboren 1969, ist CEO der ASTA Energy Solutions AG. Nach seinem Studium der Betriebswirtschaft an der WU Wien und einem Doktorat an der JKU Linz war er unter anderem als Geschäftsführer für die Palfinger AG, COO und CFO der Verbund International France, Geschäftsführer der Rudolfinerhaus Privatklinik sowie in beratender Funktion für verschiedene Kunden im Energiesektor tätig.
Die ASTA-Gruppe
Die ASTA-Gruppe mit Headquarter im niederösterreichischen Oed ist ein weltweit führender Anbieter hochwertiger Kupferkomponenten, die in der Stromerzeugung und -übertragung sowie in der Elektromobilität zum Einsatz kommen.